zur Abk├╝rzung PISA - versus schiefer Turm von Pisa

Die Assoziation zum schiefen Turm von Pisa wurde gezogen, da die Vergleiche der L├Ąnder und ihrer Bildungssysteme eben schief sind, da sie nicht die tats├Ąchlichen Leistungen testen, sondern ganz spezielle Tests sind, die besonders im angels├Ąchsischen und verwandten Schulsystemen Anwendung finden. Dadurch wird auch getestet inwieweit Sch├╝ler mit solchen Test umgehen k├Ânnen.

Was zeigt uns PISA?, Was nicht?

Die tats├Ąchliche Abk├╝rzung lautet: (Gross geschrieben PISA) Programme for International Student Assessment (PISA)

PISA erm├Âglicht das Messen nachhaltig erworbener Grundkompetenzen und stellt kein Abpr├╝fen von assoziativen Zusammenh├Ąngen dar. PISA erm├Âglicht gute Vergleiche der Outputs. PISA gestattet keine eindeutige Ursachenerkl├Ąrung, es k├Ânnen nicht direkte Konsequenzen bzw. Ma├čnahmen zwingend abgeleitet werden.

Wer wurde/wird getestet?

PISA testet Jugendliche, eines Alters-Jahrgangs (diesmal 1987) -vorausgesetzt sie sind Sch├╝lerinnen oder Sch├╝ler, aber unabh├Ąngig davon, welche Klasse und Schulart sie zum Testzeitpunkt besuchen. Da in ├ľsterreich die Schulpflicht nur 9 Jahre betr├Ągt, gibt es in unserem Land unter den dem Alter nach in Frage kommenden Jugendlichen 5,7% die keine Schule mehr besuchen, dh. zur Out-of-School-Population geh├Âren. Zum Vergleich: in (den Siegerl├Ąndern) Finnland und Korea geh├Âren 0% (!) der Out-of-School- Population an.

Wie setzt/e sich die Stichprobe zusammen?

Insgesamt wurden in ├ľsterreich 5000 Sch├╝lerInnen an 200 Schulen ausgew├Ąhlt; max. 35 Sch├╝lerInnen je Schule.

Verteilung der getesteten Sch├╝lerInnen auf Schularten:
APS* 549, AHS* 984, BS* 813, BMS* 768, BHS* 1461, das entspricht einer R├╝cklaufquote von 93%.

Verteilung auf Schulstufen:
96% dieser Sch├╝lerInnen waren in der 9. oder 10. Schulstufe,
3,6 % in der 8. Schulstufe und 0,2% waren in der 7. Schulstufe.

Wie erfolgt/e die Auswahl und die Testung?

Schulen und Sch├╝lerInnen werden im internationalen PISA-Zentrum ausgew├Ąhlt. Die Tester sind schulfremde Personen, der Testablauf ist genau geregelt, 25% der Testungen werden zus├Ątzlich unangemeldet kontrolliert. Nur Staaten, die einen R├╝cklauf von mind. 85% erreichen, werden gewertet. ├ľsterreich erreichte einen R├╝cklauf von 93%. Gro├čbritannien schaffte den R├╝cklauf nicht, sodass nur 29 der 30 OECD-Staaten gereiht sind.

Ergebnisse:
├ľsterreich ist in allen drei Bereichen: Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften abgesunken, befindet sich aber wie bei PISA2000 im Mittelfeld.

Bedenklich ist, dass 20% des Jahrgangs (68% davon sind Burschen) punkto Lesekompetenz max. Level 1 erreichen, d.h. nicht ausreichend oder gar nicht (sinnerfassend) lesen k├Ânnen. Das ist eine Steigerung von 6% gegen├╝ber PISA2000.

Da 96% dieser Jugendlichen in einer 9. oder 10. Schulstufe angetroffen wurden, muss man annehmen, dass sie jede Schulstufe erfolgreich abgeschlossen haben, ihre enormen M├Ąngel somit w├Ąhrend ihrer gesamten vorangegangenen Schullaufbahn ignoriert oder besch├Ânigt wurden.

Bedenkt man, dass jene 5,7% Out-of-School &emdash; Jugendliche wahrscheinlich mangels Schulerfolg ausgestiegen sind, so muss man feststellen, dass nicht 20% (jeder f├╝nfte) sondern (20%+5,7%) jeder vierte Jugendliche zum Verstehen allt├Ąglicher, einfacher Texte nicht ausreichend f├Ąhig ist.

Schlechte Leser sind auch in Mathematik und Naturwissenschaften eher schlecht. Auch die Nutzung des Computers/Internets ist nur bedingt m├Âglich.

Im Bereich Mathematik geh├Âren 14% der getesteten Sch├╝lerInnen zur Risikogruppe (auch in diesem Ergebnis fehlen die 5,7% Out-of-School- Population).

Die Freude an Mathematik ist in ├ľsterreich gering, die Sch├╝lerInnen und Sch├╝ler sehen wenig Nutzen in diesem Fach. Ein Punkt, der besonders zu denken geben sollte. Gilt es doch bei uns als "chic", sich ├Âffentlich mit ehemals schlechten Mathematikleistungen zu prahlen.

Der gro├če Absturz im Bereich Naturwissenschaften wird derzeit als "unerkl├Ąrlich" bezeichnet. Auch hier waren es die Sch├╝lerInnen der APS*, BMS* und BS* die signifikant schlechter abgeschnitten haben, besonders dramatisch auch hier der Abfall bei den Burschen: zw. minus 37 Punkte in APS und minus 41 Punkte in BMS, ein Punkteverlust, den Experten nicht f├╝r m├Âglich gehalten h├Ątten und der "nicht allein an der Schule liegen kann".

Der Vergleich mit den Ergebnissen von PISA2000 zeigt, dass die 40% guten Sch├╝lerInnen in allen drei Bereichen ihre Punktezahlen im Wesentlichen halten konnten, dass es aber ein markantes Absinken in der Gruppe der Schw├Ącheren gab. Besonders gro├č war der Abfall im Bereich Naturwissenschaften, und auch hier insbesondere bei den Burschen. Diese Ph├Ąnomene m├╝ssen noch gesondert untersucht werden.

 

Aus Sicht der Eltern sollten

  • bei der Forschung nach Ursachen alle Scheuklappen abgelegt werden.
  • Die PISA-Ergebnisse d├╝rfen nicht f├╝r die Bef├Ârderung von parteipolitisch motivierten Vorschl├Ągen missbraucht werden.

Drei Punkte m├Âchte ich exemplarisch hervorheben

1. Die Ursache liegt nicht zwangsl├Ąufig dort, wo die Schw├Ąche zu Tage tritt.
Ist ein Sch├╝ler "pl├Âtzlich" in Mathematik schlecht, obwohl er "vorher immer gut war", darf und kann nicht gefolgert werden, dass der aktuelle Unterricht schlecht ist. Die M├Âglichkeit einer ungen├╝genden Vorbildung, die es Sch├╝lerinnen erschwert, einem f├╝r die Schulstufe und Schulart ad├Ąquaten Unterricht zu folgen, muss jedenfalls in Betracht gezogen werden. Zu lange schon verhindert diese "Scheuklappe" Reformen in vorgelagerten Bildungseinrichtungen.

Die unter der ├ťberschrift Bew├Ąltigung der Schule im Nationalen Bericht zu PISA 2003 getroffene Feststellung, dass "der Unterricht offenbar f├╝r fast ein Viertel der Sch├╝lerInnen nicht jenes Verst├Ąndlichkeitsniveau aufweist, das f├╝r ein erfolgreiches Lernen vermutlich notwendig w├Ąre" signalisiert, dass die Ursache f├╝r das Nicht-Verstehen in der aktuell besuchten Schule liegt.

Diese Einschr├Ąnkung zeigt, dass die Auswirkungen eines (ungen├╝genden) Unterrichts insbesondere in der Volksschule (Grundschule) noch immer nicht ausreichend beachtet werden.

2. Der finnische Gesamt-Erfolg kann nicht als untr├╝gliches Indiz f├╝r den Vorteil einer Gesamt- und Ganztagsschule gesehen werden:

In ├ľsterreich stammten 13,3% der getesteten Kinder von Eltern, die anderswo geboren wurden, in Finnland lag dieser Anteil bei 1,8%! Der Umstand aus einer Immigrantenfamilie zu stammen, ist ein besonderer Nachteil. Bezogen auf die Mathematikkompetenz sind in der Studie Werte f├╝r 14 Vergleichsl├Ąnder angef├╝hrt.

Finnland ist negativer Spitzenreiter. Immigrantenkind zu sein bedeutet dort einen Punkteverlust von 68 Punkten, gefolgt von Belgien mit einem Minus von 65 Punkten, Slowakei Minus 50 Punkte, Schweiz Minus 48 und Niederlande Minus 45 Punkte; w├Ąhrend ein Immigrantenkind in ├ľsterreich einen Punktenachteil von 39 Punkten hat. In diesem Fall kann das finn. Gesamt- und Ganztagsschulsystem wohl nicht als Vorbild herangezogen werden.

Die Auswirkungen des Umstandes, dass Schulen und Sch├╝lerInnen in Finnland nicht von den "eigenen" LehrerInnen gepr├╝ft und mit Berechtigungen ausgestattet werden, auf die Motivation, die Lernleistung,... darf in den ├ťberlegungen nicht au├čer Acht gelassen werden.

3. Der klassische Kunden-Begriff ist zur Beschreibung des Sch├╝ler-Schule-Verh├Ąltnisses nicht geeignet.

Denn die W├╝nsche eines Kunden kann/muss der Auftragnehmer ohne Zutun des Kunden erf├╝llen (k├Ânnen). Das zum Substantiv "Bildung" geh├Ârende Verb ist jedoch nicht von ungef├Ąhr r├╝ckbez├╝glich: Es hei├čt "sich bilden" nicht "gebildet werden".

Das pers├Ânliche Engagement des Sch├╝lers/der Sch├╝lerin kann durch keine "Serviceleistung" seitens der Schule ersetzt werden.

Ilse Schmid