Schlechte Noten f√ľr Lehrlinge bei Gericht

Justitia kann ihre neu angebotenen Lehrstellen nicht besetzen, weil die Schulabg√§nger f√ľr den Dienst zu wenig wissen.

Insgesamt 800 zus√§tzliche Lehrstellen hat die Bundesregierung heuer im √∂ffentlichen Dienst eingerichtet. Pl√§tze, die zwar dringend ben√∂tigt werden, nun aber zum Teil nicht besetzt werden k√∂nnen. Grund daf√ľr: Mangelnde Qualit√§t der Schulabg√§nger.

"Ab September sollten bei uns eigentlich 40 Lehrlinge ausgebildet werden. Wir haben aber nur 24 geeignete Kandidaten", ist Ulrich Leitner, Vizepr√§sident des Oberlandesgerichts Graz, verzweifelt. Dabei hat es nicht an Bewerbern gemangelt. Insgesamt 218 Jugendliche hatten sich auf die Stellenausschreibung hin gemeldet. Einzige Voraussetzung, die man mitbringen musste: ein Pflichtschulabschluss. "Wir haben daraufhin noch einen Aufnahmetest durchgef√ľhrt, der vom Bundeskanzleramt ausgegeben wurde. Die Ergebnisse waren erschreckend", erkl√§rt Richter Manfred Scaria, zust√§ndig f√ľr die Auswahl der Lehrlinge.

60 Fehler im Diktat

Gehapert hat es dabei so gut wie in allen Bereichen: Ob Rechtschreibung oder das kleine Einmaleins &endash; vielen Jugendlichen mit positivem (!) Pflichtschulabschluss mangelte es an jeglichen Grundlagen. "Manche hatten sogar Probleme die Karteikarten alphabetisch zu ordnen. Am schlimmsten waren aber die Diktate. Bis zu 60 Fehler haben wir pro Seite gefunden. Mit einem derartigen Ergebnis können wir einfach niemanden in den Gerichtsdienst lassen", so Scaria.

Akuter Handlungsbedarf

Im Landesschulrat ist man schockiert: "Es gibt zwar vermehrt Beschwerden seitens der Wirtschaft, dass die Lehrlinge immer weniger k√∂nnen, aber das ist nat√ľrlich besonders alarmierend", betont Landesschulinspektor Hermann Zoller. Laut diesem m√ľsse man sich im Pflichtschulbereich wieder mehr auf die so genannten "Basics" (Lesen, Schreiben, Rechnen etc.) konzentrieren. Und zwar auf Kosten des "ausufernden und zum Teil nicht sinnvollen Projektunterrichts".
Mario Lugger GrazerWoche, 21. August 2005