Das Kind soll denken lernen

GASTKOMMENTAR VON MARIAN HEITGER

"Die Presse", 13.12.2008

Wie ist nun diese Geburtshilfe zu leisten? Alles Lehren und Lernen hat einen gegenst├Ąndlichen Inhalt. Dieser muss eindeutig sein, damit Lehrer und Sch├╝ler wissen, worum es im Lernprozess geht. Der Gegenstand schreibt auch vor, mit welchen Argumenten Aussagen ├╝ber ihn begr├╝ndet werden k├Ânnen. Im ÔÇ×neuen LernenÔÇť hat sich eine Didaktik entwickelt, die sich eher als Strategie in der Hand des Lehrers versteht und nicht als Methode, durch Argumente dem Sch├╝ler zu helfen, sein Wissen zu begr├╝nden. Die methodische Disziplinierung im lernenden Denken verhindert geschw├Ątzige Betriebsamkeit, durch sie und in ihr lernt auch schon das Kind das Wichtigste, n├Ąmlich denken.

Wer lehren will, muss sich bem├╝hen, den Sch├╝ler zu verstehen, sein Wissen und Nichtwissen. Daraus entspringt sein Fragen, und daran h├Ąngt der m├Âgliche Erfolg. Verstehen ist mehr als das Testen oder Registrieren von Verhaltensweisen; es erw├Ąchst aus der Interesse nehmenden Achtung vor dem Kind.

Das gro├če Hindernis f├╝r einen guten Unterricht, so sagt man, sei die Disziplinlosigkeit der Sch├╝ler. Das mag sein; und wenn die Disziplinierung vom Elternhaus nicht geleistet wird, muss die Schule die M├Âglichkeit haben, Disziplin vielleicht mit Sanktionen zu erzwingen. Gro├če Hoffnungen setzen jetzt alle auf ein verbindliches Vorschuljahr. Hier sollen Kinder das lernen, was ihnen sonst nicht geboten wird, damit sie nicht von Beginn an in der Schule die Benachteiligten sind.

Wenn man mehr Leistung in der Schule will, kann man nicht antiautorit├Ąres Gehabe propagieren und dem Sch├╝ler vorgaukeln, dass Lernen immer lustvoll sein m├╝sse, ihm nicht verschweigen, dass Leistung und Anstrengung einander bedingen, Flei├č keine veraltete Tugend ist. Die Schule ist der Ort des Lernens. Darauf sind alle Reformgedanken zu konzentrieren. Das gilt besonders f├╝r die Lehrerbildung. Sie muss eine Forschung und Lehre betreiben, durch die und in der zuk├╝nftige Lehrer ein an Sinn gebundenes Fundament gewinnen: das unverzichtbare Ethos aller p├Ądagogischen Praxis.

Vom Elend unserer Schulreformen und -reformer

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