Elternmitwirkung im Staate New York


Ich bin nach unseren Erfahrungen mit dem kanadischen Schulwesen * in British Columbia neugierig zu schauen, wie eine typisch amerikanische Schule von innen aussieht und wie Eltern am Schulleben beteiligt sind.

So nütze ich meinen Besuch in Ghent im Staate New York, fast 3 Stunden nördlich von New York City und begleite meine Freundin Lisa in die Schule ihrer Zwillingssöhne Henry und Eric. Beide gehen in eine 3. Volksschulklasse, d.h. also in eine Grade 4 Elementary School.

Lisa hat sich zu Schuljahrsbeginn als parent helper gemeldet und soll an diesem Morgen für eine Schulstunde einigen Kinder aus der Klasse von Mrs. Ooms helfen, ihren Aufsatz in den PC zu tippen. Pro Klasse gibt es zwei „parent helper“, sie erscheinen einmal pro Woche, je nach Bedarf und wechseln sich wöchentlich ab.

Die Klassenlehrer haben immer noch eine weitere Hilfslehrerin, eine so genannte teachers assistant in ihrer Klasse, dazu nach Bedarf eben die „parent helpers“. Bei nur ca. 20 – 25 Schülern in einer Klasse, erscheint dies sehr viel Aufsicht. Wenn man bedenkt, dass es auch hier pro Klasse etliche Kinder mit „special needs“ gibt, also Schüler, die nach unseren Maßstäben nach Sonderschullehrplan unterrichtet werden oder einen spF erhalten haben, dann erklärt sich der personelle Aufwand und erscheint sinnvoll.
Im Ăśbrigen gibt es natĂĽrlich an jeder Schule fĂĽr diese Kinder noch weitere speziell ausgebildete Fachlehrer, die bei Bedarf im Klassenraum mitarbeiten.

Amerikanische Eltern sind in der so genannten. PTA, der Parents Teacher Association oder der PTO, der „Parents Teacher Organization“ organisiert.
Gegründet wurde sie bereits im Jahre 1897 und hieß damals „New York State Congress of Parents and Teachers“! Wie es der Name bereits andeutet, sind in diesen Vereinen auch Lehrer Mitglied und es können theoretisch auch Lehrer oder sogar der Direktor Ämter übernehmen. Gewöhnlich sind jedoch mehr Eltern als Lehrer Mitglied. Die offiziellen Ämter (president, vicepresident, secretary und treasurer) werden von den Mitgliedern der PTA gewählt.
Laut Statuten soll die PTO erfolgreiche Schulpartnerschaft fördern und vor allem die Eltern mit einbinden. Hierfür gibt es sechs so genannte Standards, die National Standards for Familiy-School Parenting:

1. Aufnahme und Integration aller Familien in die Schulgemeinschaft;
(Welcoming all families into the school community)
2. Effektive Kommunikation; (Communicating effectively)
3. UnterstĂĽtzung des schulischen Erfolges der Kinder; (supporting student success)
4. Jedes Kind zählt
5. Mitbestimmung
6. Zusammenarbeit mit der Gemeinde (Stadt, Dorfgemeinde etc.)

Außerdem unterstützt die PTO das nationale Programm Parents as Reading Partners PART also „Eltern als Lesepartner“ und das „Reflections Program“, ein Unterstützungsprogamm für die künstlerische Erziehung von Kindergarten bis zur Abschlussklasse der Highschool.

Tatsächlich scheint es im PTO hauptsächlich um fundraising zu gehen. Es wird Geld für Bücher, Schulausflüge, Schullandwochen, und für schulische Veranstaltungen gesammelt. Versammlungen finden ein bis zweimal im Monat zumeist in der Schulbücherei statt. Die Methoden des Fundraising sind so wie in Kanada äußerst professionell und es gibt daher zahlreiche Aktivitäten während des Schuljahres um Geld sammeln zu können.

Mitarbeit auf inhaltlicher Ebene, d.h. zum Beispiel die Mitarbeit am Schulprogramm, so wie ich es in Kanada erlebt hatte, gibt es nicht. Das Schulprogramm ist den Eltern unbekannt.

Wenn ĂĽberhaupt, so ist lediglich das schoolboard an der Entwicklung beteiligt. Dieses ist gesetzlich gesehen auf Bezirksebene die oberste Verwaltungsstufe, darĂĽber steht nur noch der Superintendent. Dieser kann jedoch vom schoolboard entlassen werden!
Die Mitglieder dieses „schoolboards“ (insgesamt neun Mitglieder) werden für 3 Jahre gewählt, jeder Amerikaner kann kandidieren, es ist ein unbezahltes Ehrenamt.
Aber Ehrenämter, bzw. der Einsatz für die Gemeinschaft haben natürlich in den USA und auch in Kanada einen ganz anderen, viel höheren Stellenwert als in Österreich. Hauptdiskussionsthemen sind die Finanzen, also die Bezahlung der Lehrer, die Einstellung von Lehrern (diese sind nach nur 3 Jahren unkündbar) das Schulbudget und dann vor allem auch der Ausbau von Schulsportplätzen.
Die Verbesserung der akademischen Ausbildung oder auch die Diskussion über pädagogische Ziele spielen nur eine geringe Rolle. Dies scheint mir ein wesentlicher Unterschied zu den schulischen Zielsetzungen in Kanada zu sein. Amerikanische Schüler schneiden nicht von ungefähr in internationalen Rankings höchstens mittelprächtig ab. Jeder dritte amerikanische Schüler verlässt die Schule ohne Schulabschluss!

Schulinspektionen beschränken sich auf die finanzielle Kontrolle oder ob eine Schule energiesparend wirtschaftet. Es wird nicht geschaut, ob Kinder wirklich lernen oder wie gut die Lehrer sind. Dies erfüllt bereits der National Test.

Mit den Eltern sprechen Schulinspektoren bei ihren Inspektionen nicht.

Die berühmten „National Tests“ finden für die Viertklässler und Achtklässler jedes Jahr im Juni statt. Das Ergebnis der Schüler wird den Schulen mitgeteilt, diese leiten sie an die Eltern weiter. Es gibt auch ein Gesamturteil für jede Schule und dieses ist öffentlich bekanntzumachen. Falls eine Schule nicht so gut abschneidet wird sie auf eine dreijährige Probezeit gesetzt.
Sollte sich nach dieser Zeit das Ergebnis nicht verbessert haben, kann der Staat eingreifen und die Schule schlimmstenfalls schlieĂźen, allenfalls werden Lehrer oder Direktor an eine andere Schule versetzt.

Kritisiert wird von den Eltern, dass der Lehrplan auf diesen Test hingeschneidert wurde und dass die SchĂĽler vor allem lernen, wie man am Besten bei Multiple Choice Tests Fragen ankreuzt.

Eltern von Volksschülern erhalten wöchentlich Nachrichten aus der Schule. Jede Lehrerin gibt den Eltern genaue Anweisungen über den Lernstoff mit, außerdem einen ungefähren Wochenplan.
Sehr viel Augenmerk wird auf das häusliche Lesen gelegt und auf das Einmaleins lernen.
Ein Streitpunkt in vielen Familien dürften die sogenannten „schoolprojects“ sein, die nicht in der Schule sondern zu Hause anzufertigen sind.
Henry hatte zum Beispiel einen Fisch in Lebensgröße zu basteln und Eric ein so genanntes „travellers board“, also ein Navigationsprotokoll aus der Zeit der Seefahrer im 17. Jahrhundert. Beide Werke sollten dann im Schulmuseum ausgestellt werden. Diese Art Projekte sind natürlich ohne elterliche oder großelterliche Hilfe überhaupt nicht denkbar. Die großen Bastelmärkte bieten reihenweise Bastelmaterial für die Projekte an. Es scheint ein lohnendes Geschäft für sie. Benotet wird nicht die Eigenarbeit des Kindes, sondern das perfekte Ergebnis.
Dass dieser Irrsinn auch mal Thema der PTO sein könnte, fand meine Freundin eine gute Idee…

Friederike de Maeyer-Genschel
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* siehe Elternbrief Juni 2008 und April 2006