Nach Bekanntwerden der PISA – Ergebnisse wurde wieder intensiv über organisatorische Änderungen des Schulsystems diskutiert.
Doch wen kĂĽmmert, was im Unterricht passiert?

Was umfasst ein Unterricht nach Vorschrift?

Unterricht ist gemäß §§ 17 und 18 des Schulunterrichtsgesetzes mehr als nur Vermittlung von Lehrstoff:
• Der Lehrer hat entsprechend dem jeweiligen Lehrplan unter Berücksichtigung der Entwicklung der Schüler den Lehrstoff des Unterrichtsgegenstandes dem Stand der Wissenschaft entsprechend zu vermitteln.
• Der Lehrer hat die Schüler zur Selbsttätigkeit anzuleiten.
• Der Lehrer hat durch geeignete Methoden und durch zweckmäßigen Einsatz von Unterrichtsmitteln den Ertrag des Unterrichts zu sichern und durch entsprechende Übungen zu festigen.
• Der Lehrer hat durch besondere in die Unterrichtsarbeit eingeordnete mündliche, schriftliche und praktische oder nach anderen Arbeitsformen ausgerichtete Leistungsfeststellungen (Prüfungen, Referate, Schularbeiten, Tests,...) Informationen für eine sichere Leistungsbeurteilung zu gewinnen.
Die österreichischen Lehrpläne räumen den Lehrpersonen nicht nur Methodenfreiheit ein, sondern sie fordern ausdrücklich dazu auf, die jeweils beste Methode für die Vermittlung von Lerninhalten bzw. zur Erreichung von Lernzielen anzuwenden.

Gerade für Kinder, die Schwierigkeiten bei der Bewältigung der schulischen Anforderungen haben, ist die Gestaltung des Unterrichts besonders wichtig.

Welche Art von Unterricht benötigen Kinder mit unterschiedlichen Schulleistungen?

Einschlägigen Erkenntnissen der pädagogischen Psychologie legen nahe:

Die Kinder profitieren beim Lernen von der Interaktion mit der Lehrerin – allerdings nur, wenn diese sich ihnen direkt zuwendet, indem sie ihnen gezielte Erklärungen, individuelle Hilfen, persönliche oder sachliche Rückmeldungen gibt.

Verbringen die Kinder im Unterricht längere Zeit mit Einzelarbeit, bei der sie nicht direkt von der Erfahrung und Hilfe anderer Personen profitieren können und keine Rückmeldungen bekommen, sinken Motivation und Konzentration und damit der Lernerfolg.

Ein höherer Zeitanteil nicht unterrichtsbezogener Aktivitäten schränkt die Möglichkeiten, die Unterrichtszeit lernproduktiv zu nutzen, ein und mindert den potentiellen Lernzuwachs.

Dr. Peter May führte im Rahmen des mehrjährigen Hamburger Projekts „Lesen und Schreiben für alle“ eine wissenschaftliche Begleitung durch. Er ging dabei der Frage nach, welche schulische Förderung erfolgreich ist. Dabei stellte er u.A. fest:

Auf Seiten der Lehrerin zeigt sich ein lernförderlichen Unterricht durch
• ein höheres Ausmaß an Direktivität des Lehrerverhaltens
• eine höhere Aufmerksamkeit für die Abläufe in der Klasse
• ein höheres Ausmaß an Zuwendung an die Förderkinder, jedoch eher weniger Einzelzuwendungen an die übrigen Kinder
• eine stärkere Orientierung auf den Lehrstoff und
• ein stärkeres Einfordern von Disziplin

Hinsichtlich der zeitlichen Verteilung der Aktivitäten lässt sich ein lernförderlicher Unterricht idealtypisch beschreiben:
• Das Ausmaß der Lehreraktivitäten ohne direkte Interaktion mit den Kindern sollte relativ gering ausfallen,
• statt dessen sollte die Lehrerin so häufig wie möglich direkt mit den Kindern (einzeln oder in Gruppen) interagieren.
• Schüleraktivitäten, in denen die Kinder allein arbeiten, sollten zeitlich eng begrenzt werden.
• Statt dessen sollten Schüleraktivitäten häufiger in der Form stattfinden, dass die Handlungen der Kinder aufeinander bezogen sind.
• Insbesondere sollte die Dauer der nicht unterrichtsbezogenen Aktivitäten soweit wie möglich eingeschränkt werden.

Mit Blick auf die lese-rechtschreibschwachen Kinder sollte ein lernwirksamer Unterricht u.A. folgende Merkmale aufweisen:

• differenzierte und individualisierte Aufgabenstellungen, um die persönliche Motivation zu berücksichtigen und Überforderungen zu vermeiden;
• Gestaltung von klar strukturierten Aufgabenstellungen und möglichst transparenten Lösungssituationen;
• Vermeidung längerer Phasen der Einzelarbeit mit komplexen und offenen Aufgabenstellungen, die den Förderkindern noch wenig vertraut sind;
• häufige individuelle Zuwendungen an die Förderkinder, um sie zu ermuntern sowie ihnen Erläuterung und Hilfen zu geben;
• möglichst unmittelbare Leistungsrückmeldung nach der Bewältigung von Teilschritten;
• Vermeidung von Leerlauf und unterrichtsfremden Aktivitäten.

Und wie stellt sich Unterricht in unseren Schulen derzeit häufig dar?
Unter dem Schlagwort „modern“ wurden in den vergangenen Jahren viele zeitintensive Unterrichtsabläufe propagiert und eingeführt.
Zahllose Arbeitsblätter zur Beschäftigung der Kinder kennzeichnen oftmals den Unterrichtsalltag. Unbeachtet von der Lehrperson füllen Kinder seitenlang nach falschen Denkmustern die Lücken in den Arbeitsblättern aus.
Dass sie diese Arbeiten korrigiert mit unzähligen Fehlerzeichen wieder ausgehändigt bekommen, hat wenig Lerneffekt.

Kinder, die die LĂĽcken mit richtigen Worten oder Zahlen fĂĽllen, verfolgen dabei oft falsche Strategien. Und weder wird der ganze Text, noch wenigstens der ganze Satz oder die gesamte Rechenzeile erfasst.

Wochenlange Projekte mit geringer Aufmerksamkeit der Lehrpersonen für die Abläufe in der Klasse, stellen oftmals „Zeitfresser“ mit geringer Orientierung auf den Lehrstoff dar.
Dadurch fehlt die Zeit für die Unterrichts-Komponenten „Festigen und Üben“, weshalb Eltern mit ihren Kindern lernen müss(t)en.
Doch jenen Kindern, wo diese Ausfallshaftung extern niemand ĂĽbernimmt bzw. ĂĽbernehmen kann, bleibt nur der Weg abzuschauen, was andere tun oder schreiben und sich damit abzufinden, dass sie nichts verstehen.
Und so wundert es nicht, dass fĂĽr unser Schulsystem ein Befund lautet: Der Bildungsstand der Eltern hat ĂĽbergroĂźen Einfluss auf den Schulerfolg der Kinder.

Peter May: Welche schulische Förderung ist erfolgreich?