Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth ĂĽber Schule als Weltzugang und Kopfgymnastik

Die Zeit 11. September 2011

DIE ZEIT: Herr Professor Tenorth, in der Schule werden Spezialitäten der Stochastik vermittelt, dabei beherrschen viele nach der Schulzeit nicht einmal mehr den Dreisatz. Nun fordert der Psychologe Thomas Städtler in seinem Buch Die Bildungs-Hochstapler, die Lehrpläne um 90 Prozent zu kürzen, damit die Schule sich mehr mit dem nachhaltigen Lehren von Basiswissen befassen kann. Was halten Sie davon?

Heinz-Elmar Tenorth: Nichts. Ich möchte dem ein geflügeltes Wort entgegensetzen:
»Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn wir alles vergessen haben, was wir in der Schule gelernt haben.«
Wer stattdessen allein mehr Wissen vermitteln will, der versteht die Aufgabe der Schule nicht. Die Schule hat SchĂĽlern Modi des Weltzugangs zu vermitteln, nicht in erster Linie Wissen. Zudem darf man nicht die ganze Schule ĂĽber einen Kamm scheren. Man muss zwischen zwei Arten der Schulbildung unterscheiden.

DIE ZEIT: Die wären?
Tenorth: Zum einen die Grundbildung, die möglichst jedem bis zum Ende der zehnten Klasse zuteilwerden soll, und zum anderen die gymnasiale Oberstufe, die auf ein Studium vorbereitet.
DIE ZEIT: Modi des Weltzugangs lernt man doch am besten exemplarisch. Die Lehrpläne aber sind mit Detailwissen überfrachtet.
Tenorth: Sicher sind die Lehrpläne überfrachtet. Die Vertreter der einzelnen Disziplinen wollen ihr Fach darin möglichst umfassend abgebildet sehen. Dazu kommen die Lehrbücher, für die das Gleiche gilt. Und in beide fließen noch die Traditionen der Ministerialbürokraten ein, die Sichtweise der Politik, die beides ja genehmigen muss, sowie die Erwartungen der Gesellschaft. Dann aber wird ein wichtiger Filter dazwischengeschaltet: der Lehrer, der einzeln oder gemeinsam mit Fachkollegen entscheidet, was aus diesem Überangebot in der knappen Zeit tatsächlich im Unterricht ankommt.

DIE ZEIT: Dann sollte man zumindest den Lehrern helfen, indem man die Lehrpläne entrümpelt.
Tenorth: Früher sprach man vom »Entschlacken« der Lehrpläne. Vergessen wir einmal die Metaphern aus dem Hüttenwerk oder der Möbelbranche und wählen einen pädagogischen Ausdruck: Wir müssen für die einzelnen Fächer ein verpflichtendes Kerncurriculum festlegen, dann können wir die Lehrpläne ruhig breiter anlegen – mit Weiterem zur Wahl, als Quelle der Inspiration, um einzelnen Schülern oder der ganzen Klasse zusätzliche Themen anzubieten.
DIE ZEIT: Das verlagert den Streit um die Lehrpläne doch nur auf die Frage, was ins Kerncurriculum gehören soll.
Tenorth: Ja, aber dieser Streit ist sinnvoll und fruchtbar, und er findet längst in allen Fächern statt. Wenn er konsequent geführt wird, dann landet man sogar bei der spannenden Frage:
Was kann eigentlich nur die Schule vermitteln, was legitimiert ihre Existenz?
Bei Mathematik ist das noch recht einfach, die lernt man sonst nirgends. Aber wie ist es etwa beim Sport?
DIE ZEIT: Und, wie ist es da?
Tenorth: Sport treiben kann man ja auch im Verein, dort kann man auch Sozialkompetenz lernen und das Einhalten von Regeln – eine große Herausforderung für die Sportdidaktiker. Die diskutieren nun etwa über Körpererfahrung als Modus zum Verstehen der Welt. Das kann im Schonraum der Schule besser gelingen als woanders.

DIE ZEIT: Mathematik muss sich als Schulfach sicher nicht legitimieren. Aber wäre nicht auch einem Abiturienten mit gefestigtem Basiswissen besser gedient als mit einer flüchtigen Ahnung von Matrizenrechnung?
Tenorth: Zunächst einmal ist es um das Basiswissen der meisten deutschen Schüler – zumal der Gymnasiasten – auch im internationalen Vergleich nicht schlecht bestellt. Wir haben ein ganz spezielles Problem, das darin besteht, dass rund zwanzig Prozent der Schüler das Bildungsminimum nicht erreichen.
Das hat vor allem mit dem Fehlen einer gezielten Sprachförderung von Anfang an zu tun. Achtzig Prozent der Schüler werden vom deutschen Schulsystem recht gut bedient.

DIE ZEIT: Ärgert es Sie denn nicht auch, dass nach jahrelangem Mathematikunterricht so wenig hängen bleibt?
Tenorth: Es ist ja viel hängen geblieben. Sicher kann ich nur noch die wenigsten mathematischen Operationen nachvollziehen und kann auch keinen mathematischen Beweis mehr führen. Was ich aber gelernt habe, ist, dass es ein Wissensgebiet gibt, das auf Beweisen aufbaut, die unwiderlegbar sind, wo sich die Frage »Wahr oder falsch?« eindeutig entscheiden lässt, das mit seinen Axiomen und theoretischen Modellen so konstruiert ist, dass es wundersamerweise zur Wirklichkeit passt. Wenn ich als Historiker Studien empirischer Bildungsforscher lese, habe ich ein Grundverständnis für deren mathematische Methoden. Und ich kenne meine Grenzen.
Auch dazu ist die Schule da: einem zu zeigen, was man nicht kann, die eigene Inkompetenz zu erfahren. Zu lernen: Ich kann das nicht, andere können das besser.

DIE ZEIT: Wenn es um Weltzugänge geht, reicht es dann aber nicht zum Beispiel, eine Fremdsprache zu lernen, statt mehrere?
Tenorth: Fremdsprachen sind mir zu eng, es geht um Sprache insgesamt. Die Schule muss die Schüler lehren, die Welt kommunikativ zu verstehen und sich ihr zu nähern. An erster Stelle steht es, die Verkehrssprache zu beherrschen, also bei uns die deutsche Sprache. Auch zur Grundbildung gehören zumindest Grundkenntnisse der Lingua franca unserer Tage, Englisch. Alles andere ist Luxus.
DIE ZEIT: Französisch und Latein nennen Sie Luxus?
Tenorth: Ja, den Luxus, der erst die Bildung komplett macht. Nehmen wir Latein. Das lernen wir nur aus Tradition. Einen direkten Nutzwert hat diese Sprache nicht. Früher hieß es, man könne mit Lateinkenntnissen besser andere Sprachen lernen oder besser logisch denken. Das hat sich längst als Irrtum erwiesen.
DIE ZEIT: Warum sollte Latein dann noch gelehrt werden?
Tenorth: Es mag esoterisch klingen, aber ich sehe das so, wie Nietzsche das Griechischlernen verteidigt hat:
Wenn man in die Schule eintritt, braucht man etwas wirklich Fremdes, um zu merken, dass man in der Bildungswelt ist. Einer Welt, die mit dem Alltag nichts zu tun hat, die ihre eigenen Gesetze, Regeln, Traditionen und Erwartungen hat. Schon das, sagt Nietzsche, verwandele den SchĂĽler: die unausweichliche Konfrontation mit dem Fremden, eine Gymnastik des Kopfes.

DIE ZEIT: Welchen Nutzen hat denn dieses auf den ersten Blick Nutzlose?
Tenorth: Es erweitert die Wahrnehmung. Nehmen wir einmal das – in Hinsicht auf die berufliche Verwertbarkeit – ebenso »nutzlose« Fach Geschichte. Es vermittelt, dass neben der Alltagswahrnehmung von politischen und sozialen Prozessen eine distanzierte, analytische Sichtweise darauf existiert, die uns die Welt besser verstehen lässt. Insofern kultiviert die Schule das Lernen: Die Flausen des Alltagswissens, die man im Kopf hat, werden geprüft, verändert, manchmal beseitigt und ersetzt durch ein begründetes Verstehen. Es gibt Perspektiven auf die Welt, die ihr eigenes Recht haben: die mathematisch-naturwissenschaftliche, die historische, die sprachlich-kommunikative, die künstlerische. Das zu erkennen und wertzuschätzen ist viel wichtiger, als einzelne Fakten zu erinnern.
DIE ZEIT: Und gelingt es der Schule, das zu vermitteln?
Tenorth: Fast unsere ganze Bevölkerung ist alphabetisiert, das ist ein historisch ganz neues Phänomen. Viele sehen ihren Lebenslauf als Bildungsgang, haben gelernt, sich zu vergleichen, einzuordnen, das ist eine gewaltige Leistung der Schule. Irgendwann habe ich einmal am Rand der Autobahn gestanden und gestaunt, zu welcher außergewöhnlichen kulturellen Leistung unsere Schule beigetragen hat. Wir können nicht nur international begehrte Autos bauen, sondern wir donnern damit auch mit 160, 180 Stundenkilometern durch die Gegend, ohne dass es zu Mord und Totschlag kommt.
DIE ZEIT: Um das zu genieĂźen, muss man Historiker sein. Wie sehen Sie als Vater die Schule?

Tenorth: Auch aus dieser Perspektive leistet sie Großartiges. Sie ist der Schutzraum der pubertierenden Jugendlichen. Dass Lehrer diese Phase des »temporären Irreseins«, wie es eine Kollegin nennt, überwiegend mit Verständnis ertragen und den Kindern sogar noch etwas beibringen, das wird viel zu selten gewürdigt.