Aljoscha Neubauer - Elsbeth Stern

Buchtipp: ÔÇ×Lernen macht intelligent: Warum Begabung gef├Ârdert werden muss.ÔÇť 2007

 

Die deutsche Lernforscherin Elsbeth Stern ├╝ber mehr oder weniger begabte Kinder, die Gesamtschule - und dar├╝ber, was sich an der Schule eigentlich ├Ąndern muss.

"Nicht alle Kinder k├Ânnen gleich intelligent werden"

02.01.2012 | ROSA SCHMIDT-VIERTHALER (Die Presse)


Die Presse: Sie haben ein Buch mit dem Titel ÔÇ×Lernen macht intelligentÔÇť verfasst. Wie intelligent macht Lernen?

Elsbeth Stern: Man kann seine Intelligenz nur entfalten, wenn man lernt. Und Intelligenz ist schon das Ergebnis von Lernen. Wer nie eine Schule besucht hat, kann nicht die Intelligenz entwickeln, die seine Gene hergeben. Daraus kann man aber nicht schlie├čen, dass alle gleich intelligent werden k├Ânnen.

Wie stark h├Ąngen Intelligenz und schulischer Erfolg zusammen?
Es gibt einen mittleren Zusammenhang. Und das finde ich kein gutes Zeichen. Wenn es wirklich guten Unterricht g├Ąbe, bei dem jeder sich entsprechend seinen Potenzialen entwickeln kann, sollten Intelligenz und schulischer Erfolg eng zusammenh├Ąngen.

K├Ânnen Kinder, die zu Hause nicht gef├Ârdert werden, das in der Schule jemals wieder ausgleichen?
Gute Fr├╝hf├Ârderung hei├čt, dass man mit den Kindern spricht, Bilderb├╝cher anschaut, Dinge benennt. Fr├╝hf├Ârderung braucht jedes Kind und kann in unserer Gesellschaft auch jedes Kind bekommen. Da m├╝ssen die Eltern weder reich noch habilitiert sein.

Aber motiviert.
Wenn Kinder nicht gef├Ârdert werden, ist nicht alles verloren. Aber man muss damit rechnen, dass sie nie ihr Optimum erreichen.

Wie sieht denn gutes Lernen in der Schule aus?
Kinder sollten immer sehen, wozu sie lernen. Nicht in dem Sinne, dass sie das f├╝r sp├Ąter brauchen, sondern dass sie die Welt besser verstehen. Wenn man schon fr├╝h anf├Ąngt mit einer Kultur des stupiden Auswendiglernens, baut man ein schlechtes Verst├Ąndnis von Lernen auf. Es muss darum gehen, dass Kinder ihre Kompetenz erleben: Sie k├Ânnen etwas erkl├Ąren, weil sie etwas verstanden haben.

Sie haben einmal gesagt, dass eine gute Schule Leistungsunterschiede auf hohem Niveau produziere ...
Wenn wirklich guter Unterricht angeboten wird, lernen alle Sch├╝ler dazu, aber bei anspruchsvollen Aufgaben werden die Unterschiede gr├Â├čer. Das ist aber kein Argument gegen eine Gemeinschaftsschule.
Solange Sch├╝ler mit weniger guten Voraussetzungen grundlegende Kompetenzen erwerben, spricht nichts gegen gro├če Leistungsunterschiede.

Sie sind also dezidiert nicht gegen eine Gesamtschule.
Nein, ├╝berhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass wir uns durch das mehrgliedrige Schulsystem ├╝berhaupt erst Probleme geschaffen haben. Aber in den deutschsprachigen L├Ąndern werden wir die Probleme nicht los, wenn wir einfach nur das Schulsystem ├Ąndern. Was ge├Ąndert werden muss, ist das Verst├Ąndnis von Unterricht. Aus der Lernforschung l├Ąsst sich nicht ableiten, dass weniger begabte Kinder einen ganz anderen Unterricht brauchen als begabte. Die Lehrer m├╝ssen lernen, mit den Unterschieden umzugehen, zum Beispiel indem sie ein breites Angebot an ├ťbungsaufgaben machen.

Wann w├╝rden Sie Sch├╝ler trennen?
So wie in Finnland im Alter von 15 Jahren. Aber dazu muss man, was die Schul- und Lernkultur angeht, erst einmal soweit sein wie Finnland.
Im Moment w├╝rde nichts besser werden. In Deutschland hat man immer mal versucht, die Trennung zu verschieben, aber das ist immer danebengegangen. Das verstehe ich: Die begabteren Kinder haben sich schon in der Grundschule gelangweilt, und das wurde noch weiter gezogen. Man h├Ątte die Begabteren bereits in der Grundschule besser f├Ârdern m├╝ssen.

Hilft es Sch├╝lern aus sozial schwachen Familien, gemeinsam mit sozial Starken unterrichtet zu werden?
Diesen Anspruch d├╝rfen wir nicht aufgeben. Wir haben nicht nur bei bildungsfernen Familien ein Problem, auch in sozial st├Ąrkeren Familien gibt es weniger intelligente Kinder. Die werden aber sozusagen mit einer Eintrittskarte ins Gymnasium geboren. Sp├Ąter kommen sie aufgrund ihres sozialen Hintergrundes in Positionen, die sie nicht ausf├╝llen k├Ânnen. Die gesamte Gesellschaft wird Probleme haben, wenn verantwortungsvolle Posten mit Menschen besetzt sind, die nicht die n├Âtige Intelligenz mitbringen. Eine Herausforderung der n├Ąchsten Zeit wird sein, die weniger intelligenten Kinder aus h├Âheren sozialen Schichten angemessen zu platzieren.



Zur Person

Elsbeth Stern ist seit 2006 Professorin f├╝r Lehr- und Lernforschung an der ETH Z├╝rich. Einer der Schwerpunkte der empirischen Psychologin aus Deutschland ist die Interaktion zwischen Intelligenz und Wissen.

Gemeinsam mit Aljoscha Neubauer verfasste sie im Jahr 2007 das Buch ÔÇ×Lernen macht intelligent: Warum Begabung gef├Ârdert werden muss.ÔÇť [ETH Z├╝rich]