Wir brauchen die Schlauen

Wie die Schule begabte Kinder f√∂rdern muss, damit ihre Intelligenz nicht verk√ľmmert. Eine Erkl√§rung in zehn Thesen. von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer

Die Zeit 30. März 2013

Erstens: Wir m√ľssen den besonders intelligenten Nachwuchs f√∂rdern, denn wir brauchen ihn
Moderne Gesellschaften brauchen viele Menschen, die geistig flexibel sind, die Neues erfinden und entdecken, die bereit sind, Verantwortung zum Wohle aller zu tragen. √úberdurchschnittliche Intelligenz ist dazu eine notwendige Voraussetzung. Damit sie auch zum Tragen kommt, m√ľssen √ľberdurchschnittlich intelligente Menschen vor allem in der Schule so gef√∂rdert werden, dass sie ihre allgemeine Intelligenz in spezifische H√∂chstleistungen umm√ľnzen k√∂nnen, etwa in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in der √Ėkonomie und im sozialen Bereich. Das gelingt bislang nur unzureichend, weil √ľberdurchschnittlich intelligente Sch√ľlerinnen und Sch√ľler nicht gen√ľgend gef√∂rdert werden und weil es viele intelligente Arbeiter- und Einwandererkinder nicht aufs Gymnasium schaffen und somit unentdeckt in geistig weniger anregenden Schulen versauern.
Dabei sollte man den Blick nicht nur auf die wenigen sogenannten Hochbegabten richten, sondern auf die 15 bis 20 Prozent deutlich √ľberdurchschnittlich Intelligenten.

Zweitens: Intelligenz ist messbar
Umgangssprachlich werden heute alle m√∂glichen F√§higkeiten als Intelligenz bezeichnet. So spricht man von sozialer oder emotionaler Intelligenz; aber diese Begriffe sind zu schwammig, als dass sie aus wissenschaftlicher Sicht brauchbar w√§ren. Wir beziehen uns deshalb hier auf den klassischen Begriff der kognitiven, also geistigen Intelligenz. Sie umfasst vor allem schlussfolgerndes Denken, sprachliche und mathematische F√§higkeiten, r√§umliches Vorstellungsverm√∂gen und effiziente Ged√§chtnisleistungen. Kurz: die generelle F√§higkeit, die Welt in ihren Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bew√§ltigen. Man kann diese Denkf√§higkeit mithilfe von Intelligenztests messen. Und man kommt ‚Äď was den Begriff Intelligenz wissenschaftlich tragf√§hig macht ‚Äď bei Wiederholung auch mit unterschiedlichen Tests auf einen vergleichbaren Wert: den sogenannten Intelligenzquotienten (IQ).
Der IQ gibt an, wie intelligent eine Testperson im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen aus derselben Bev√∂lkerung ist. Intelligenzvergleiche zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen, etwa V√∂lkern, verbieten sich, weil Intelligenztests kulturell gepr√§gt sind. Mit einem IQ von 100 verf√ľgt man √ľber durchschnittliche Intelligenz (siehe Grafik auf Seite 76). Zwei Drittel der Bev√∂lkerung haben einen IQ zwischen 85 und 115. Rund 17 Prozent k√∂nnen mit einem IQ von mehr als 115 als √ľberdurchschnittlich intelligent gelten, und 2 Prozent mit einem IQ von mehr als 130 als hochbegabt.

Drittens: Intelligenz ist wichtig, andere F√§higkeiten werden √ľbersch√§tzt
Intelligenz ist von gro√üer Bedeutung f√ľr Erfolge in Schule, Ausbildung und Beruf und damit Ma√üstab f√ľr die Leistungsf√§higkeit des Einzelnen, also auch eine wichtige Voraussetzung f√ľr ein gesundes und gl√ľckliches Leben. Wenn Menschen mit eher geringer Intelligenz es aufgrund ihrer sozialen Herkunft in hohe Positionen geschafft haben, k√∂nnen sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Nat√ľrlich kommt es vor, dass weniger intelligente Sch√ľler bessere Schulleistungen erbringen als intelligentere. Das zeigt aber nur, dass es der Schule nicht gelungen ist, die vorhandenen Intelligenzressourcen zu nutzen. Intelligenz ist nat√ľrlich nicht der einzige Erfolgsfaktor und auch kein Erfolgsgarant f√ľr jedes Individuum, aber von allen beobachtbaren Eigenschaften ist sie, statistisch gesehen, eindeutig der bedeutendste.
Es gibt einige andere Faktoren, die Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg haben, etwa Flei√ü, die Motivation, Leistung zu erbringen, Ausdauer und Disziplin, das Vertrauen in die eigene Leistungsf√§higkeit, Sozialkompetenz. Sie sind aber in den meisten F√§llen nicht so wirkungsm√§chtig wie die Intelligenz. Wissenschaftlich nicht haltbar ist auch der Mythos, besonders begabte Menschen h√§tten mehr soziale oder psychische Probleme als ihre Mitmenschen. Inzwischen zeigen viele Studien, dass selbst Hochbegabte ‚Äď von wenigen Ausnahmen abgesehen ‚Äď besser ihren Weg durchs Leben finden als andere.

Viertens: Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt macht den Unterschied
Die Wissenschaft hat noch nicht alle R√§tsel der Intelligenzentwicklung gel√∂st, aber schon eine ganze Reihe. Inzwischen ist unstrittig, dass Intelligenzunterschiede in hoch entwickelten Gesellschaften zu einem gro√üen Teil auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zur√ľckzuf√ľhren sind. Es gibt nicht das Intelligenz-Gen; aber ein Orchester von Genen bestimmt ma√ügeblich unsere geistigen F√§higkeiten. Die Gene legen unser Intelligenzpotenzial fest. In welchem Ausma√ü es zum Tragen kommt, entscheidet die Umwelt. Hier ist die Analogie zur Pflanzenwelt hilfreich: Aus einem G√§nsebl√ľmchen-Samen entwickelt sich auch bei bester Pflege keine Rose. Aber damit G√§nsebl√ľmchen und Rose ordentlich wachsen und ihre Pracht entfalten k√∂nnen, brauchen sie Sonne und m√ľssen gegossen werden. In Zwillingsstudien wurde ermittelt, dass Intelligenzunterschiede zu 50 bis 80 Prozent erblich sind. Zu dieser gro√üen Bandbreite kommt es aufgrund von Unterschieden in den untersuchten Gruppen. Je mehr Chancen die Teilnehmer einer Studie hatten, ihr genetisches Potenzial in Intelligenz umzusetzen, umso st√§rker schl√§gt das Erbe durch.
Die Vererbung der Intelligenzunterschiede f√ľhrt aber nicht dazu, dass einzelne Familien oder Gruppen immer intelligenter oder immer weniger intelligent w√ľrden. Von Generation zu Generation werden die Karten neu gemischt, und die Vererbung tendiert nicht in Richtung der Extreme, sondern zur Mitte. Deshalb ist die Angst, weniger intelligente Zuwanderer k√∂nnten unseren Genpool gef√§hrden, unbegr√ľndet.

F√ľnftens: Die Bedeutung der Fr√ľhf√∂rderung wird gleichzeitig √ľbersch√§tzt und untersch√§tzt
W√§hrend der Schwangerschaft und ‚Äď wenn das Umfeld nicht gest√∂rt ist ‚Äď auch im S√§uglingsalter sorgt die Natur in beeindruckender Weise f√ľr eine intelligenzf√∂rderliche Entwicklung des Nachwuchses. Die in Mittel- und Oberschichtfamilien verbreitete Fr√ľhf√∂rderhysterie bringt den Kindern aus wissenschaftlicher Sicht gar nichts. Sie brauchen W√§rme, Milch, sp√§ter Brei und ihnen zugewandte und mit ihnen sprechende Bezugspersonen, sonst nichts. Die leider auch von verantwortungslosen Forschern verbreitete Angst, es w√ľrden sich fr√ľh sogenannte Lernfenster schlie√üen, hat sich als grundlos erwiesen. Mangelnde F√ľrsorge aber kann sich fatal auswirken. Kinder, um die sich bis zum Alter von zwei Jahren keiner gek√ľmmert hat, das zeigen Studien mit osteurop√§ischen Waisen, k√∂nnen ihr Intelligenzpotenzial auch in f√ľrsorglichen Adoptionsfamilien sp√§ter nicht mehr voll entfalten. Auch im Kleinkindalter ist kein spezielles Intelligenztraining vonn√∂ten. Emotional dem Kind zugewandte Eltern, die mit ihm spielerisch die Welt erkunden, reichen aus. Als sinnvoll haben sich Unterst√ľtzungsprogramme f√ľr Kinder in sozialen Brennpunkten erwiesen, die die Eltern einbeziehen und ihnen bei einer liebevoll-kommunikativen Erziehung helfen. Ab einem Alter von vier Jahren, das zeigen Studien zur Intelligenzentwicklung, profitieren die Kinder von einer intellektuell anregenden Umgebung. Weiterhin spielerisch kommen die Kinder geistig voran, wenn man mit ihnen Mensch √§rgere Dich nicht und Memory spielt oder etwa einen Garten gestaltet. Von einem kindgerechten Bildungsangebot in einem guten Kindergarten profitieren sowohl Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien als auch Kinder aus Bildungsb√ľrgerfamilien. Die einen bekommen auf diesem Weg √ľberhaupt die Chance, bestimmte Kompetenzen zu erwerben, w√§hrend die anderen soziale Lerngelegenheiten erhalten, die eine Kleinfamilie nicht bieten kann.
Wir brauchen auf die vorschulische Bildung aber einen anderen Blick: Nicht die Quantit√§t entscheidet, sondern die Qualit√§t. Der Streit um die prozentuale Versorgung mit Krippen- und Kita-Pl√§tzen lenkt davon ab, dass eine reine Verwahrung den Kindern nicht hilft. Zumindest die Leiterinnen der Kinderg√§rten m√ľssen ein Hochschulstudium absolviert haben.

Sechstens: Die Schule macht den Unterschied
Alle Menschen brauchen schulische Bildung, um ihre Intelligenz zu entwickeln. Bis zum zehnten bis zw√∂lften Lebensjahr, also grob bis zum sechsten Schuljahr, unterliegt der IQ noch gr√∂√üeren Schwankungen. In dieser Zeit entscheidet die Schule nicht nur dar√ľber, was ein Kind lernt, sondern auch dar√ľber, ob es sein genetisches Intelligenzpotenzial entfalten kann. Deshalb muss das Lernen in der Grundschule genauso √ľberdacht werden wie der Zeitpunkt des √úbergangs aufs Gymnasium oder andere weiterf√ľhrende Schulen. Inhaltlich anspruchsvoller Unterricht von fachlich und didaktisch gut ausgebildeten Lehrern ist f√ľr alle Kinder, unabh√§ngig von ihrer Intelligenz, gut. Dabei m√ľssen die Lehrer vor allem die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten im Blick haben, den weniger intelligenten Kindern mehr Zeit lassen und den intelligenteren Kindern mit Zusatzaufgaben mehr Denkfutter geben.
Aus Sicht der Intelligenzforschung w√§re die Trennung der Kinder in Gymnasiasten und andere Sch√ľler fr√ľhestens ab der sechsten Klasse sinnvoll, weil es sonst Sp√§tentwickler wom√∂glich nicht aufs Gymnasium schafften, w√§hrend "getrimmte" Kinder zu Unrecht dort landeten. Eine Verl√§ngerung der Grundschulzeit sollte in Deutschland und √Ėsterreich aber erst dann auf die Tagesordnung gesetzt werden, wenn die Grundschullehrer fachlich gut genug ausgebildet sind, um auch Sechstkl√§sslern anspruchsvollen Unterricht zu erteilen. Eine blo√üe Ausweitung der Grundschulzeit n√ľtzt gar nichts.

Siebtens: Die Unterrichtsqualität entscheidet, nicht die schulischen Rahmenbedingungen
Intelligenz ist der Rohstoff, der in Wissen umgesetzt werden muss, und dazu braucht es guten Unterricht. Bildungsdebatten drehen sich zu h√§ufig um die √§u√üere Form der Schule. Gegliedertes Schulsystem oder Gesamtschulen? Das war das Thema der Schulpolitik der unproduktiven siebziger und achtziger Jahre. Heute versprechen sich viele von der Ganztagsschule bessere Leistungen. Mit diesem Starren auf √Ąu√üerlichkeiten muss Schluss sein, denn l√§ngst ist gesicherter Stand der Forschung, dass die √§u√üere Form der Schule f√ľr die Kompetenzentwicklung der Sch√ľler zweitrangig ist. Entscheidend ist anspruchsvoller Unterricht von Lehrern, die an den individuellen F√§higkeiten der Sch√ľler ankn√ľpfen k√∂nnen. Erst wenn der Unterricht stimmt, kann man √ľberlegen, unter welchen Bedingungen er sein Optimum entfalten kann.

Achtens: Schlaue Kinder brauchen gute Lehrer
Gerade um die sehr intelligenten Kinder zu f√∂rdern, braucht es besonders gute Lehrer. Auch der Blick auf das Bildungsmusterland Finnland richtet sich zu sehr aufs √Ąu√üere, etwa auf die Gemeinschaftsschule. Das eigentliche Geheimnis der finnischen Schulen wird oft √ľbersehen: eine strenge Selektion beim Lehrerstudium. Nur etwa jeder zehnte Interessent wird zugelassen. Das kann man in den deutschsprachigen L√§ndern nicht einfach nachahmen, aber eine bessere Auswahl und Ausbildung der Lehrkr√§fte sind der Dreh- und Angelpunkt, um intelligente Kinder in der Schule optimal zu f√∂rdern.

Neuntens: Die Universität braucht die Intelligentesten
Die Universit√§ten haben ein Recht darauf, die Intelligentesten eines Jahrgangs zu versammeln, um die k√ľnftigen Verantwortungstr√§ger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft akademisch zu bilden. Wenn man die √ľberdurchschnittlich Intelligenten an den Universit√§ten haben will, dann sollte man eine Quote von etwa 20 Prozent anstreben ‚Äď das ergibt sich aus der Normalverteilung der Intelligenz. H√∂here Studierquoten m√∂gen politisch gewollt sein, aus der Intelligenzforschung ergeben sie sich nicht. Eine solch niedrige Quote ist nat√ľrlich nur sinnvoll, wenn neben den Universit√§ten ein System akademisch fundierter Ausbildungsst√§tten, wie etwa Fachhochschulen, und berufspraktischer Ausbildungsg√§nge, wie etwa die duale Berufsbildung, existiert, das ebenfalls den Weg in ein erfolgreiches Berufsleben ebnen kann.

Zehntens: Wir brauchen mehr Intelligenztests
Mithilfe von Intelligenztests ‚Äď sofern sie professionell durchgef√ľhrt werden ‚Äď k√∂nnen wir etwa an der Schwelle zum Gymnasium und an der Schwelle zur Universit√§t unentdeckte Talente f√∂rdern und Blender zur√ľckhalten. Es gibt keine vorhersagekr√§ftigeren Diagnoseinstrumente f√ľr die individuelle Lern- und Bildungsf√§higkeit und f√ľr den sp√§teren Berufserfolg als Intelligenztests. Und ihre Prognosef√§higkeit ist durchaus vergleichbar mit den genauesten medizinischen Diagnosen. Auf Intelligenztests zur Bildungs- und Berufsberatung zu verzichten w√§re vergleichbar mit der Idee, in der medizinischen Diagnostik auf die Erkenntnisse der vergangenen 30 Jahre zu verzichten.