Gerald Koller:

... UND FÜHRE UNS IN DER VERSUCHUNG

risflecting – eine pĂ€dagogische Antwort auf Rausch und Risiko

Hochkulturen – und wir leben (manchmal kaum zu glauben) in einer solchen – reagieren mit Angst auf Risiko. Dem entsprechend beten wir seit bald 2000 Jahren das Vater unser und mit ihm „und fĂŒhre uns nicht in Versuchung“...
In einem Kloster bei Biel/Bienne beten die dort lebenden Frauen und MĂ€nner gerade diesen Satz des Gebetes (das sie wohl hoffentlich auch als „Mutter unser“ beten) anders. Mit ihrem „... und fĂŒhre uns in der Versuchung“ drĂŒcken sie das aus, worum es risflecting als rausch- und risikopĂ€dagogischer Maßnahme geht: Gemeinsam zu erkunden, was fĂŒhrt.
Jahrtausendealte Erfahrungen geben darauf die selbe Antwort wie die aktuellen Er-kenntnisse der Gehirnforschung: Menschen brauchen Möglichkeiten, sich zu bewĂ€hren – gerade wenn es um Rausch und Risiko geht!
Die angstvolle BewahrungspĂ€dagogik der Neuzeit, die nur Abstinenz, Scheinsicher-heiten und Begriffswirrwarr anzubieten hat (so wird „Risiko“ – also Unsicherheit – landlĂ€ufig mit „Gefahr“ – also Bedrohung der Existenz – gleichgesetzt) – eine PĂ€da-gogik also, die Risiko reflexartig bekĂ€mpft – sie hilft uns sicher nicht weiter.
Erstes Ziel jeder Rausch- und RisikopÀdagogik muss es vielmehr sein, Menschen Möglichkeiten in die Hand zu geben, das wilde Tier zu reiten. Denn nur wer die Balance hÀlt: zwischen Ekstase und Verzicht, Sicherheit und Gefahr, Heimat und Neuland, Chaos und Ordnung, Wasser und Wein, kann das Abenteuer bestehen, das in jeder Substanz, in jedem Risikoerlebnis auf uns wartet.
Wer nun meint, dass die ZĂ€hmung ĂŒber die Vernunft gelingt, irrt.

Um das Rodeo bestreiten zu können, braucht es
∗ ein Netz von guten Freunden, das auffĂ€ngt
∗ GespĂŒr fĂŒr den eigenen Körper
∗ Und SensibilitĂ€t fĂŒr das Wohin, Wieviel und Wozu.

Denn im höchsten Rausch – gerade da braucht es Klarheit. Die hat aber unsere Welt – selbst geprĂ€gt von Unklarheit – nicht zu bieten ...
Dabei ist sie voll von Rausch- und Risikoerfahrungen. Menschen gehen keineswegs nur Risiken ein, um zu flĂŒchten oder sich selbst zu heilen. Selbst dem Konsum legalisierter wie illegalisierter Drogen muss kein Problem zugrunde liegen.
Denn wer taucht, boardet, kifft, den sexuellen Rausch sucht, hat nicht grundsÀtzlich ein Problem, sondern ist grundsÀtzlich Mensch.

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